Heiliger GEORG

Gedenktag: 23. APRIL

Wer sind die Monster?

Georgius der Ritter kam einst in das Land Lybia, in die Stadt Silena . Nahe bei der Stadt war ein See, so groß als ein Meer, darin wohnte ein giftiger Drache […]

So beginnt (hier in der Fassung der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Legenda aurea) die spannende Geschichte vom „Ritter Georg“. In Wirklichkeit soll er ein Soldat im römischen Heer zur Zeit des Kaisers Diokletian gewesen sein. Um 304 wurde er wegen seines Bekenntnisses zu Christus enthauptet.

Der Drache in der alten Legende muss durch tägliche Opfer besänftigt werden, sonst trampelt er zur Stadtmauer und verpestet die Luft mit seinem Gifthauch. Als die Bürger keine Schafe mehr besitzen, gehen sie dazu über, dem Monster Menschen zu opfern, die durch Losentscheid bestimmt werden. Eines Tages trifft das Los die einzige Tochter des Königs. Tapfer macht sie sich zum Sterben bereit – und trifft den „von ungefähr daherreitenden“ Ritter Georg.

Die Jungfrau zitterte vor Schrecken und rief: „Flieh, guter Herr, flieh, so schnell du kannst!“ Aber Georg sprang auf sein Ross, machte das Kreuz vor sich und ritt gegen den Drachen, der wider ihn kam; er schwang die Lanze mit großer Macht, befahl sich Gott und traf den Drachen also schwer, dass er zu Boden stürzte.

Dann sprach er zu der Jungfrau: „Nimm deinen Gürtel und wirf ihn dem Wurm um den Hals und fürchte nichts.“ Sie tat es, und der Drache folgte ihr nach wie ein zahm Hündlein.

Als sie ihn nun in die Stadt führte, erschrak das Volk und floh […]. Da winkte ihnen Sankt Georg und rief: „Fürchtet euch nicht, denn Gott der Herr hat mich zu euch gesandt, dass ich euch erlöse von diesem Drachen. Darum glaubet an Christum und empfanget die Taufe allesamt, so will ich diesen Drachen erschlagen.“

Natürlich lassen sich der König und alle seine Un

tertanen, beeindruckt von so viel Macht, taufen, Georg erschlägt das Monster, und vier Paar Ochsen ziehen den toten Drachen aus der Stadt auf das freie Feld. Die vom König angebotene Belohnung verteilt der brave Ritter unter die Armen. Doch weil Undank der Welt Lohn ist, werden bei der nächsten Christenverfolgung viele untreu, und Georg, der eine flammende Rede gegen die heidnischen Götzen hält, wird verhaftet und mit grausamem Einfallsreichtum gefoltert.

Der Richter […] befahl, dass man Georg auf ein Rad flechte, das war allenthalben mit zweischneidigen Schwertern besetzt. Aber es brach alsbald, und Georg blieb unversehrt. Der Richter ergrimmte und ließ ihn in einen mit siedendem Blei gefüllten Kessel setzen; da bekreuzigte er sich, als er darein ging, und saß darin mit Gottes Hilfe wie in einem guten Bad.

Ein Zauberer, der mit seinen Künsten gegen den munteren Häftling nichts ausrichten kann, bekennt sich zu Christus und wird enthauptet; die Königin bekehrt sich und wird zu Tode geprügelt; am Ende stirbt auch Georg durch das Schwert.

Die Drachentöter-Legende gehört zu den uralten Menschheitsgeschichten, die immer wieder neu erzählt werden und zeitlos wahr sind: In die geordnete Welt bricht das Chaos ein. Es gibt kein ungetrübtes Glück. Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung sieht in dem mythischen Drachen die dunklen Kräfte des Unbewussten in der eigenen Seele, die das vorwärts drängende Ich so gern verdrängt, statt sich ihnen in fruchtbarer Auseinandersetzung zu stellen. Die Monster, denen heute aus Feigheit, Profitgier und Machtbesessenheit Menschen geopfert werden, haben keine Drachenflügel und Feuer speienden Mäuler mehr, aber sie sind nicht minder mörderisch.

Wer glaubt, muss sich dem Kampf mit diesen Monstern stellen und die Opfer verteidigen. Wer glaubt, dem wachsen aber auch ungeahnte Kräfte zu (mit denen Georg in der Legende die schlimmsten Martern übersteht).

© Christian Feldmann, Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder Verlag Freiburg 2005, 192 f

 

Heilige ELISABETH VON THÜRINGEN

Gedenktag: 19. November

„Wie kann ich eine Krone tragen?“

In der Rückschau wirkt die Landgräfin Elisabeth von Thüringen (* 1207) eigenwillig, selbstbewusst, kritisch-intelligent wie wenige berühmte Frauen des Mittelalters. Ihre Frömmigkeit hat etwas Rebellisches an sich. Sie zeigt deutlich ihre Abneigung gegenüber Repräsentationspflichten, trägt mit Vorliebe schlichte Wollkleider, legt in der Kirche ihren Schmuck ab und lockt Scharen von Bettlern und Elendsgestalten zur Speisung auf die Wartburg.

Statt als Landesherrin den Glanz der Krone zu verkörpern und auf hoheitsvolle Distanz zu achten, scherzt sie mit ihren Mägden, redet sie zum Entsetzen der Mitwelt als „Freundinnen“ an und verlangt ernsthaft von ihnen, die Fürstin zu duzen! Aus den alten Legenden lässt sich unschwer herausschälen, wo der Grund für dieses aufmüpfige Benehmen lag: in einer unerhört persönlichen, radikalen Beziehung zu Christus.

Der Erfurter Dominikaner Dietrich von Apolda, der in seinem 1297 geschriebenen Leben Elisabeths die ältesten Quellen verarbeitete, erzählt eine solche Geschichte: Die Landgräfin mit großem Gefolge in der Kirche. Plötzlich fällt ihr Blick auf das Kruzifix mit dem lebensgroßen, zerschundenen Gekreuzigten. Da „begann sie nachzudenken“ und kam zu dem Schluss: „Sieh, da hängt dein Gott nackt, und du, ein unnützer Mensch, gehst in kostbaren Kleidern einher. Sein Haupt wird von Dornen verwundet, und deines ist mit Gold geschmückt. – So von innigem Mitleid ergriffen, fiel sie wie tot zu Boden.“

Ein andermal geriet sie auf dem Weg nach Eisenach in ein fürchterliches Unwetter. Da soll sie auf einem Holzstoß ein in Lumpen gehülltes Kind sitzen gesehen haben, das sie aus großen, enttäuschten Greisenaugen anblickte. „Wo ist denn deine Mutter, Kind?“, fragte Elisabeth. Darauf wuchs anstelle des Holzstoßes ein Kreuz empor, an dem der sterbende Christus hing und sie ansah, und seine Augen waren die des Kindes.

Die Wahrheit solcher Geschichten liegt nicht in einer historischen Genauigkeit, sondern in der hintergründigen Aussage. Elisabeth hat im Schmerzensmann am Kreuz das Elend des armen Volkes und in den thüringischen Krüppeln und Bettlern den verstoßenen Christus wiedererkannt. Viele sind diesem armen, gekreuzigten Christus begegnet wie sie. Aber wenige hatten ihren Mut, daraus die unbequemen Konsequenzen zu ziehen.

Am Anfang hatte die junge Gräfin noch ganz naiv vom ,,Armsein“ geträumt – wie heute die Tochter aus gut betuchtem Haus vom Schafezüchten auf Sardinien. Aber allmählich erkannte sie, wo das Geld für die feudale Hofhaltung auf der Wartburg herkam. Kriege und Feste wurden durch die Ausplünderung der Unterworfenen und durch immer höhere Steuern finanziert. Oben auf der Burg gab man die Taler mit vollen Händen aus und fragte nicht nach den Bauern und Tagelöhnern, die unten in den armseligen Dörfern dafür schuften mussten.

Thüringen mit seinem ganz aus Wald bestehenden Hinterland galt noch im 19. Jahrhundert als Deutschlands „Hungerecke“. Die in Elisabeths Zeit fallenden Missernten der Jahre 1224 bis 1226, verbunden mit einer grassierenden Tierpest, mussten hier verheerende Wirkungen entfalten. Und dann: Krankenkassen und Versicherungen kannte das Mittelalter nicht, jeder Schicksalsschlag konnte in auswegloses Elend stürzen. Eine ständig anwachsende Zahl von Armen lungerte auf den Plätzen und Kirchentreppen herum: entlassene Tagelöhner, Kriegsinvaliden, Behinderte, verlassene Waisen, Mädchen ohne Mitgift, altgewordene Dirnen, Ritter, die ihren Besitz hatten verpfänden müssen, Bauern, denen der Hof abgebrannt war …

Kein Mensch kam damals auf die Idee, diese mörderische Zweiteilung der Gesellschaft in Besitzende und Habenichtse in Frage zu stellen. Es gab allenfalls den Appell, sich moralisch zu bessern. Die Almosen, die man den Armen aus eigenem Überfluss hinwarf, sollten nicht die ungerechte Güterverteilung ausgleichen, sondern den Mildtätigen den Weg zum Himmel bahnen.

Elisabeth fiel hier völlig aus dem Rahmen: Sie begann die Not der Armen als beschämendes Gericht über den eigenen luxuriösen Lebensstil zu empfinden. Sie horchte auf den Gekreuzigten und fragte bestürzt – einer der ganz wenigen Sätze, die von ihr verlässlich überliefert sind –: „Wie kann ich eine goldene Krone tragen, wenn der Herr eine Dornenkrone trägt?“

Elisabeth erkannte bestürzt, dass sie von dem lebte, was anderen weggenommen wurde. Sie bäumte sich dagegen auf, dass es Privilegierte und Menschen minderen Wertes geben sollte. Immer drängender empfand sie die Notwendigkeit, diese Klassengesellschaft, die der gute Gott nicht gewollt haben konnte, umzustürzen – und weil sie nicht wusste, wie das gehen sollte (im 13. Jahrhundert wusste das niemand), versuchte sie, zumindest ihren persönlichen Lebensbereich zu verändern.

Und zwar radikal. Da sind nicht nur jene schönen Geschichten von der Landgräfin, die in einfachen Wollkleidern und barfuß mit den ärmsten Frauen in der Prozession mitgeht und im selben Aufzug, ohne Reitereskorte und Gefolge, ihre Kinder nach der Geburt zur Aussegnung bringt. Am erschütterndsten wirkt auf uns heute wohl das „Speisegebot“, dem sie sich auf den Rat ihres Beichtvaters bei Tisch unterwirft.

Ihre treuen Dienerinnen gaben vier Jahre nach ihrem Tod zu Protokoll, „dass sie bei Tisch an der Seite ihres Gemahls alles verschmähte, was von den Ämtern und Eintreibungen der Beamten stammte. Sie griff nur zu, wenn sie wusste, dass die Speisen von den rechtmäßigen Gütern ihres Gemahls kamen. Wurden aber Gerichte aus erpressten Abgaben aufgetragen, dann brach sie vor den Rittern und Herren oft nur das Brot, zerteilte die Speisen und reichte sie hin und her, um so den Augenschein zu erwecken, als esse sie.“

Im Umgang mit den Armen verwirklichte Elisabeth eine ebenso radikale wie praktische Frömmigkeit. Sie befasste sich – unerhört für eine Dame der Gesellschaft – hautnah mit dem Elend der Armen und Kranken. Sie pflegte ihre aussätzigen Schützlinge selbst, wusch eiternde Wunden, legte Verbände an. Die Landgräfin kümmerte sich um Waisenkinder, spann gemeinsam mit ihren Mägden Wolle, aus denen Kleider für Franziskaner und Bedürftige gewebt wurden, nähte eigenhändig Taufkleider für die Neugeborenen aus mittellosen Familien. „Sie machte mit eigener Hand Totenhemden für die Bestattung der Armen“, fügt der Bericht ihrer Dienerinnen für den Heiligsprechungsprozess hinzu, „sie wusch und bekleidete sie selbst und nahm an ihrer Beerdigung teil […]. Auch duldete sie nicht, dass die Leichen reicher Verstorbener in neue Leintücher oder neue Hemden gehüllt würden; sie sollten vielmehr in alten bestattet und die guten den Armen gegeben werden.“

Immer wieder der auffallende Drang, selbst zuzupacken, Caritas nicht an irgendeine Organisation abzugeben, sondern mit eigenen Händen zu helfen. Der ausgesprochen praktische Zug dieser Armenpflege wurde 1224 deutlich, als Thüringen unter einem überaus heißen und trockenen Sommer zu leiden hatte und ein starker Wind über mehrere Tage hinweg das Korn so gründlich zerschlug, „dass zwei Jahre lang teure Zeit war“.

Die knapp 17-jährige Landgräfin erfand produktive Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Sie setzte die Notleidenden beim Brückenbau und bei der Ausbesserung von Straßen ein. Als die befürchtete Hungerkatastrophe hereinbrach und zum Skelett abgemagerte Menschen sich von Wurzeln, Kräutern und vom Fleisch verendeter Tiere nährten, sperrte sie – ihr Mann, der Landgraf, weilte im Ausland – sämtliche Kornkammern im ganzen Land auf.

War das alles nur ein Feigenblatt für eine durch und durch unchristliche Gesellschaftsordnung? Skeptiker, die bei Elisabeth die totale Strukturrevolution vermissen, übersehen möglicherweise, dass die große Umwälzung. der äußeren Gegebenheiten gar nichts nützt, wenn die Menschen nicht gleichzeitig einen neuen Umgang miteinander und Respekt vor den Schwachen und Kaputtgegangenen lernen. Elisabeths zunächst privates Veränderungsprogramm stellte die Aufspaltung der Gesellschaft in „Oben“ und „Unten“ in Frage und war durchaus geeignet, Breitenwirkung zu entfalten: Das Selbstverständliche schien nicht mehr selbstverständlich.

Als ihr zärtlich und leidenschaftlich geliebter Mann – die alten Quellen schildern die Beziehung der beiden wie eine Liebesgeschichte aus dem·Abenteuerroman – auf dem Weg zum Kreuzzug einer Seuche erlag und die noch nicht 20-jährige Elisabeth, Mutter dreier kleiner Kinder, Witwe wurde, brach der Hass der höfischen Umwelt offen hervor. Die in sämtlichen Legenden breit ausgemalte brutale Vertreibung der unglücklichen Frau von der Wartburg mitten im Winter dürfte zwar nicht mehr sein als ein dramaturgischer Effekt; ein allmähliches Hinausekeln ist wahrscheinlicher.

Auf jeden Fall verließ die junge Witwe die Burg, trennte sich von ihren Kindern – ein merkwürdiger Entschluss – und gründete mit der Ablöse ihrer Witwengüter und einem Rest ihrer Aussteuer ein Hospital vor den Toren Marburgs. Schon als Fürstin hatte sie sich ja nach einer noch radikaleren Änderung ihres Lebens gesehnt. Völlig arm wollte sie sein, nicht mehr fürstliche Wohltäterin und Helferin aus gesicherter Position heraus. Alles oder nichts!

Sie lehnte die Brautwerbung Kaiser Friedrichs II. ab – wenige Jahre später legte er ihr voller Respekt eine kostbare Krone auf den Sarg – und zog in ein kleines Zimmerchen, verdiente sich ihr bisschen tägliches Brot durch Spinnen und Weben, verbrachte jede freie Minute im Spital.

Die Fürstin Elisabeth war ein armes, verachtetes Weib geworden, auf der alleruntersten Stufe der sozialen Rangleiter stehend, von den früheren Standesgenossen geschnitten und von hart und böse gewordenen Elendskreaturen schadenfroh verhöhnt. Sie nahm einen an Blutfluss leidenden, hilflosen Knaben bei sich auf, den sie nachts bis zu sechsmal versorgen und zur Latrine tragen musste.

Im Spital leistete sie Männerarbeit, pflegte stinkende Aussätzige, verband ihre eiternden Geschwüre und wusch ihnen den Ausfluss ab. Der Körper der jungen Frau war längst erschöpft und verbraucht. Sie wurde schwer krank (die Forscher vermuten Schwindsucht) und legte sich 24-jährig auf das Sterbebett, 1231.

Schon vier Jahre später, 1235, sprach der Papst dieses „Werk des allmächtigen Gottes“, wie er sagte, heilig. Für den prächtigen, mit Gold und Silber überzogenen Schrein mit Elisabeths Gebeinen baute man die Marburger Elisabethkirche, das erste rein gotische Gotteshaus in Deutschland.

Doch es ist, als ob die in Armut Gestorbene noch im Tod gegen eine solch feudale Grabstätte hätte protestieren wollen. Während der Reformationszeit verschwanden ihre Gebeine, und niemand weiß, ob und wo sie ein zweites Mal beigesetzt worden sind. Der prachtvolle Schrein ist leer. Elisabeths stürmische Liebe zur Armut hat ein letztes Mal gesiegt.

© Christian Feldmann, Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder Verlag Freiburg 2005,  552–555